Mystik als wichtigster Vorläufer

Persönliche Bekehrung

auf subjektivistischen Seelenausdruck hinstrebende pietistische Dichtung im Gegensatz zu barocker Gesellschaftsdichtung

Spener (1635-1705) und Buxtehude (1637-1707) haben dieselben Lebensdaten.

Der frühe Pietismus bezog sich vor allem auf die Frömmigkeitspraxis, weniger auf die Lehrsätze der altprotestantischen Orthodoxie an sich. Mit und nach Philipp Jacob Spener fand eine kirchenpolitische und dogmatische Auseinandersetzung statt. Die Überzeugung eines auf einem Bekehrungserlebnis gründenden Heilsweges wird in Spannung mit der lutherischen Rechtfertigungslehre gesehen. Dennoch hat der Pietismus den Anspruch auf dem Boden der lutherischen Reformation zu stehen. Der frühe Pietismus klagt einen Sittenverfall, eine institutionalisierte Kirche mit starren Dogmen und veräußerlichter Frömmigkeit an. Johann Arndt (1555-1621), der als „Vater des Pietismus“ bezeichnet wird, fordert eine gefestigtere Glaubenshaltung, die sich nicht auf den sonntäglichen Gottesdienst beschränkt, sondern das ganze Leben des Glaubenden und alle Bereiche des Seins umfassen soll. Die Wiedergeburt der Seele (in Anlehnung an mystische Schriften) ist dabei ein konstitutives Element. Die pietistische Frömmigkeit äußert sich in moralischer Strenge, Wechsel zwischen Sündenkampf und enthusiastischer Hochstimmung, Enthaltsamkeit, Konzentration auf Fundamentalaussagen der Bibel. Phillip Jacob Spener bildete mit seiner Hauptschrift Pia Desideria: oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen samt einigen dahin abzweckenden einfältig christlichen Vorschlägen die Reformidee weiter aus. Zum Reformprogramm gehörten die Gründung von Hausandachten, Einführung des persönlichen Gemeindegesangbuches für jeden Christen, Verschärfung der Kirchenzucht, Anleitung zu Lebenswandel und Reduktion der Gottesdienstform auf das Wesentliche[1]. August Hermann Francke (1663-1727) vertritt die pragmatische Linie des Pietismus mit der Gründung der franckeschen Stiftungen in Halle 1698.

Bezüglich der Musikanschauung des Pietismus werden sowohl in der Anklage-, als auch in der Erbauungsliteratur Aussagen getroffen. Angeklagt wird die lateinische Kirchenmusik, weil sie für die Gemeinde unverständlich ist, die italienische Konzertmusik im affektreichen Opernstil und die Kunstmusik, weil sie die eigentliche Funktion der Erbauung überlagert und mehr zerstreuenden als sammelnden Charakter hat. Aus diesen Gründen wurde das Lied zum pietistischen Musikideal, da dabei die ganze Gemeinde Teil hat und es der Erbauung dient.[2]  Die tägliche pietistische Frömmigkeit bezieht sich auf den Einzelnen und auf kleine häusliche Gruppierungen. Die Musik wurde also vor allem in diesem Rahmen der Hausmusik praktiziert. Viele Komponisten fügten ihren Melodien einen Generalbass zu, so z.B. in der Praxis Pietatis Melica von Johann Crüger, wovon es in ganz Deutschland Auflagen in großer Zahl gab.[3]

Was wollten die Pietisten durch die Musik erreichen ? Sie wollten (laut Heinrich Arndt) keine Musik, die Glaubenssätze erklärt. Ihr Ziel war es, den Worten der Bibel zu lauschen und den Geist des tiefen Glaubens, den diese Worte hervorrufen, in Musik umzusetzen. Und das sollte in den Herzen der Menschen, die diese Musik hören, einen ebenso tiefen Glauben hervorrufen. Menschen, die nur noch nominell Christen waren, sollten Buße tun, sich vor dem Herrn niederwerfen und um Vergebung bitten, so könnten sie durch die Gnade Gottes erleben, dass ihnen ein neues Leben  geschenkt wird. [4]

Stellte Buxtehude seine Musik wirklich in den Dienst der pietistischen Bewegung ? Hartmut Lehmann kommt in seinem Aufsatz „Buxtehude und der frühe Pietismus“ [5] zu einem ganz anderen Schluss. Lehmann hat sich mit den pietistischen Zirkeln in Lübeck befasst, seiner Ansicht nach gehörte Buxtehude nicht dazu. In den Briefen der Pietisten an ihre Glaubensgenossen in anderen Teilen Deutschlands taucht sein Name nirgendwo auf. [6]Hinzu kommt, dass man die Lübecker Gruppierungen zum radikalen Flügel zählte. Wie immer   Buxtehude auch zum Pietismus stand, er hätte zumindest seinen Arbeitsplatz aufs Spiel gesetzt, wenn er sich ihnen angeschlossen hätte.

Lassen sich seine wahren Ansichten in seinen Werken erkennen ? Lehmann hält Geck vor, dass er, wie viele andere Wissenschaftler in den frühen 1960er Jahren, einen undifferenzierten Pietismusbegriff verwendet habe: „Als Pietist beziehungsweise zum Pietismus gehörig galt damals weithin jeder bewusst und intensiv fromme Protestant des 17. und 18. Jahrhunderts.“ [7] Der Ausdruck einer intensiven, subjektiven und gefühlsbetonten Frömmigkeit“ [8], wie man ihn in den von Buxtehude verwendeten Texten oft findet, sei noch kein Bekenntnis zum Pietismus. Von allen (überlieferten) Texten, die Buxtehude für seine Kantaten verwendet hat, stammt nur einer von einem führenden Pietisten [9] und zwar von seinem ehemaligen Mitbürger J.W. Petersen.

Lehmann zufolge repräsentiert Buxtehudes Musik keine pietistische Weltanschauung, sondern geradezu das Gegenteil. „Pietisten der Buxtehude- Zeit… verdächtigten… alle Formen der Kunst auch Musik und Tanz. Sie glaubten, diese behinderten sie auf dem Weg zur Wiedergeburt im Glauben und bei ihren Bemühungen um wahre Gottseeligkeit. Buxtehude setzte demgegenüber seine großen Fähigkeiten als Komponist ein, um Gott zu loben und Gottes Herrschaft durch seine Musik zu verherrlichen und zu verehren, dabei brachte er den ganzen Reichtum musikalischer Ausdrucksformen seiner Zeit virtuos zur Geltung.“ [10]

 



[1] Geck, Martin: Die Vokalmusik Dietrich Buxtehudes und der frühe Pietismus, S. 87.

[2] A.a.O. S.111.

[3] A.a.O. S.113.

[4] Jyunshirou Kawabata S.231

[5] Kieler Schriften S67-76

[6] Vgl.Lehmann,S73

[7] Lehmann,S 68

[8] ebd,S74

[9] Vgl.Lehmann,S74

[10] Lehmann,S76